Leseprobe aus dem Kapitel  9
Querelen mit Politik und Polizei - Die Sache mit dem Kunstschein
Das Jahr 1911 war friedlich verlaufen. Die Marokkokrise war Vergangenheit, China zum Jahresbeginn 1912 Republik geworden. Beide Ereignisse werden Conrad Horster wenig oder gar nicht interessiert haben. 1912 erschien  erstmalig in einem Berliner Firmenverzeichnis die ›Zauber-Centrale‹ als neue Zauberapparatefabrik unter der Adresse Friedrichstraße 74 - ›vis-a-vis Kaiser-Cafe‹. Außer Conradi-Horster fungierte der für seine Füllfederhalterproduktion bekannte Fabrikant Fink als Gesellschafter.

Mitunter löst ein kleines Vorkommnis eine Kettenreaktion aus, deren Ursprung eine schon bald vergessene Bagatelle war. In preußischen Landen war alles geregelt, also sagen wir fast alles, aber dafür sehr exakt in Gesetzen und Verordnungen, also ›preußisch‹. Das traf auch auf Kultur und Kunst zu und der Staat entschied, was  darunter zu verstehen sei. Da gab es Beamte in den verschiedenen Ministerien, die sich wiederum auf Kommissionen stützten. In diesen Kommissionen saßen Gelehrte aus Akademien und vielen, vielen anderen Institutionen, natürlich auch Vertreter der Kirche und, warum eigentlich nicht, auch Vertreter der Polizei. Man entschied in langen Sitzungen, ob nun etwas Kunst sei, oder entartete Kunst - hier glaube ich allerdings, dass der Begriff ›entartet‹ erst 1933 aufkam. Aber 1912 hatten wir noch Seine Majestät, den Kaiser, der durch eine hingeworfene Äußerung, den Besuch oder Nicht-Besuch eines Theaterstücks die Arbeit solcher Kommissionen bei ihren Entscheidungen unterstützte.

Anscheinend hatte man aber vollkommen vergessen, die Zauberei einzuordnen. Es gab keine klaren Richtlinien, wann und wie ein Zauberlehrling sich Zaubermeister nennen dürfte. Genügte ein Diplom von Horsters Akademie für magische Kunst für einen amtlich anerkannten Kunstschein oder war so ein Zeugnis gar nichts wert? In Dresden gab es einen ›Professor der Magie‹ namens Oeser, wie war das nun in Preußen? Wie konnte jemand zum Zauber-König gekrönt werden? Fragen über Fragen, für die es eben keine Antworten gab.

Mein Großvater väterlicherseits, der vielbeschäftigte Conrad Horster, der nun in der Berliner Friedrichstraße 17 in der II. Etage des nach dem Eigentümer benannten ›Gutschow‹-Hauses wohnte und sowohl durch seine ›Akademie für magische Kunst‹ als auch durch seine Fachbücher über die Grenzen Deutschlands hinaus schon bekannt geworden war, ging neben seinen Auftritten populärwissenschaftlichen Inhalts regelmäßig von Berlin aus mit abendfüllenden Zaubervorführungen auf Tournee. Im Frühjahr 1912 war er von einer solchen Reise, die ihn und seine einundzwanzigjährige Assistentin Gertrud Scholz zuerst in den Norden Deutschlands geführt hatte, erfolgreich weitergereist. Eine Veranstaltung in Hamburg sei besonders erwähnt, denn sie ist aus der Gründungsgeschichte des Magischen Zirkels nicht wegzudenken.

Conrad Horster hatte eine Anschluss-Tournee organisiert, die in das Rheinland führte. Von dieser Reise nach Berlin zurückgekehrt, mitten in die Vorbereitungen einer weiteren Gastspielreise, platzte eine durch einen Polizeiwachtmeister überbrachte eilige Vorladung, wonach sich Conrad Horster am Montag, dem 29. April 1912  im Berliner Polizeipräsidium, Verwaltung VIII, unter Beibringung geeigneter Unterlagen über die von ihm ausgeübten Tätigkeiten einzufinden habe. Mit einiger Mühe war es dem Großvater gelungen, außer seinem ›Kunstschein‹ einige Dokumente bereitzulegen wie eine Erklärung des Vereins  ›VATERLAND‹, eines unter dem Protektorat des Prinzen Heinrich Fürst zu Schöneich-Carolath  stehenden ›Vereins für Musik, Literatur, Geselligkeit zu Berlin, zur Förderung der Veteranenstiftung Nationaldank‹ unterschrieben von etlichen Personen mit ererbten oder erworbenen Titeln. Dann hatten Verärgerung und Sorge das Wochenende geprägt.

Die unter der Leitung des Oberregierungsrates von Glasenapp stehende Verwaltung VIII des Berliner Polizeipräsidiums, Hauptsitz in der zwischen Alexanderplatz und Jannowitzbrücke gelegenen Magazinstraße, hatte einen umfangreichen Geschäftsbereich, der bei ›A‹ wie Ausstellungen begann und bei ›Z‹ wie Zirkusvorstellungen endete. Herr von Glasenapp wurde mit seiner sogenannten Theaterabteilung für so manchen Theaterskandal verantwortlich gemacht, wobei er glaubte, allezeit im Interesse der sittlichen Erbauung der Untertanen Sr. Majestät zu handeln. Es wird kein Zufall sein, dass Gerhardt Hauptmann den Namen Glasenapp für den Schreiber im ›Biberpelz‹ verwendete.

Rechtzeitig und noch vor der festgesetzten Zeit hatte sich Großvater im Polizeipräsidium am Alexanderplatz eingefunden und sich bei der Suche des Amtszimmers in dem weitläufigen roten Backsteingemäuer anfangs verlaufen und nicht gewagt, die mit abweisenden Mienen und schnellen Schrittes vorbeieilenden Beamten, teilweise Häftlinge mit Handfesseln führend, um Auskunft zu bitten. Dann hatte er aber noch rechtzeitig das in der Vorladung bezeichnete Zimmer gefunden.  Erst nach längerem Warten hatte sich die Tür geöffnet und man ihn zum Eintreten aufgefordert, höflich, aber distanziert. Inmitten des spärlich möblierten Zimmers standen einsam zwei Stühle für die ›Delinquenten‹. Am Fenster wartete an einem antiquiert anmutenden Stehpult ein Conrad Horster mit unverhohlener Neugier betrachtender  Polizeibeamtenanwärter auf den Beginn der von ihm zu protokollierenden Amtshandlung. Erst auf den zweiten Blick sah Großvater hinter einem mit Aktenstapeln belegten Schreibtisch eine weitere Person. Das Kopfnicken und eine einladende Handbewegung waren sowohl Begrüßung wie Aufforderung zum Platznehmen. Mit der freien Hand blätterte die Person in einem Hefter und Großvater erschien es als dass der Beamte ihn mit einem hinter einem Monokel verborgenen Auge abschätzig fixierte, während das andere Auge in einem Hefter las. Großvater legte auf den einen Bürostuhl seine mitgebrachten Dokumente ab, setzte sich dann auf den zweiten Stuhl und versuchte sein Gegenüber möglichst unbefangen anzuschauen.

Mit knarrender Stimme stellte sich der Beamte vor, wobei er den Titel Hauptmann dreimal erwähnte. Es klang etwa so: Hauptmann Ebel, Polizeihauptmann und Hauptmann im Regiment Prinz Albert. Zugegeben, dass sich Großvater an den Namen des Regiments nicht genau zu erinnern wusste. Blitzschnell dachte er, dass der Beamte es nicht mal bis zur Majorsecke im aktiven Militärdienst gebracht hatte, auch nicht Spross eines Adelsgeschlechtes und ein Zauberkünstler diesem Beamten ebenbürtig sei. Ruhig und gefasst sah Großvater dem Kommenden entgegen.

Nach Feststellung der Personalien ›Friedrich Wilhelm Konrad Horster‹, -  Konrad mit ›K‹ und nicht mit ›C‹ - , dem Vertrautmachen mit dem Gegenstand der Vernehmung, hatte der Polizeihauptmann mit der Befragung zur Sache begonnen und dabei betont, dass er nicht berechtigt sei, Auskunft über Anlass der Untersuchung und über die Herkunft seiner eigenen Informationen zu geben. Seine Fragen und Vorhalte bezogen sich inhaltlich auf drei Komplexe, nämlich erstens auf den künstlerischen Wert der Horsterschen Vorführungen und Vorträge selbst, zweitens Anzahl und Orte bisheriger öffentlicher Auftritte sowie drittens auf die Richtigkeit aufgestellter Behauptungen. Sowohl der Hauptmann als auch der Protokollant machten sich dabei Aufzeichnungen. Der Hauptmann bemerkte missbilligenden Blickes, dass der irritierte Horster seine Worte abwechselnd an den einen und an den anderen richtete. Mit einer kurzen für Horster unverständlichen Anweisung wurde der am Fenster verharrende Beamte fortgeschickt und damit die Aussicht auf den Innenhof und das Polizeigefängnis mit vergitterten und blinden Fensterscheiben freigegeben.

Der Hauptmann schrieb nun höchst persönlich das Protokoll eigenhändig  , indem er laut jedes niedergeschriebene Wort wiederholte. Sein Vorgehen hinterließ bei Horster den Eindruck als diktiere der vernehmende Beamte sich selbst den Text. Das einigermaßen leserliche und in vollem Wortlaut nachfolgend wiedergegebene Protokoll hat folgenden Inhalt:

»Zu 1: Ich nehme nach wie vor für meine Vorführungen ein höheres Kunstinteresse in Anspruch, weil es sich weniger um Fingerfertigkeitskunststücke als um Experimental-Vorträge mit den neusten Errungenschaften auf dem Gebiet der Optik, Akustik, Chemie, Telegraphie, Elektrotechnik usw. handelt. Meine Vorträge wirken auch aufklärend speziell auf spiritistischem Gebiete; seit ca. 15 Jahren werde ich in der Rednerliste der Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung geführt und wurde nun wieder zu dieser Gesellschaft gehörigen Vereinen zu Experimental-Vorträgen engagiert. Zum Beweise, dass ich mich berechtigt halten darf, meinen Vorführungen ein höheres Kunstinteresse beizulegen, berufe ich mich außer auf den Kunstschein des Herrn Hoenig auf eine Reihe von Anerkennungsschreiben hoher und höchster Herrschaften und auf mehrere von mir verfasster Werke auf dem Gebiet der Magie. Außerdem verweise ich auf das von mir gegründete und geleitete bestehende Unternehmen ›Akademie für magische Kunst‹, in welchem ich Private und Berufskünstler bis zur künstlerischen Reife ausbilde, wie ich auch sämtliche dazu benötigten Apparate nach meiner technischen Anleitung ausführen lasse.«

Der Vernehmende legte eine kurze Pause ein, erhob mit gespreizten Fingern eine Porzellantasse und trank schlürfend einen Schluck. Dann fuhr er fort:

»Zu 2: Ich habe zuletzt am 8. Januar 1911 im Martinshaus zu Charlottenburg« - beim Schreiben  hatte der Polizeihauptmann kurz inne gehalten und nach der genauen Schreibweise Martinhaus oder Martinshaus gefragt, gleichsam erkennend gebend wie unbedeutend ihm in seiner Position das Etablissement erschien, und dann mit erhobener Stimme fortgesetzt - »aufgrund meines Kunstscheines mit Erlaubnis« -  Conrad hatte wie es sich seiner Meinung nach gehörte wörtlich gesagt »Seiner Exzellenz, des Herrn Polizeipräsidenten«, aber der Vernehmende formulierte anders »mit Erlaubnis des Pol - Punkt - Präs - Punkt Charlottenburg eine öffentliche Vorstellung gegeben. In Berlin bin ich öffentlich noch nicht aufgetreten, weil meine Zeit durch Inanspruchnahme von Vereinen vollständig absorbiert ist. Ich trage mich aber mit dem Gedanken, in Berlin ein eigenes Theater mit nur magischen pp. Vorführungen zu gründen. Außer mir geben auch andere Kollegen ähnliche öffentliche Vorstellungen in Berlin aufgrund ihres Kunstscheines, z.B. das Ehepaar Joachim und Klara Bellachini, das im vergangenen Winter im hiesigen Architektenhaus Wilhelmstr. 92 eine Serie von Vorführungen gegeben hat; ferner ein Schüler von mir Eugen Schröder, Chodowieckistr. , der unter der Bezeichnung ›Bellachinis Zauberwelt‹ in der Provinz Brandenburg auch nur aufgrund eines Kunstscheines Vorstellungen auf dem Gebiet der Magie veranstaltet hat.«

Ohne Unterbrechung setzte der Polizeihauptmann zum dritten Punkt kommend das Formulieren fort.

»Zu 3: Durch Se. Exzellenz Herrn General-Intendant v.  Hülsen ist mir in den Jahren 1895 - 1907«  - hier hatte sich ein Irrtum eingeschlichen, denn die Horsterschen Zauberprogramme für die kaiserlichen Nordlandreisen hatten nicht 1895, sondern bereits 1894 begonnen, - »der Auftrag geworden, das Programm für seine magischen Vorführungen während der Nordlandreisen Sr. Majestät zusammenzustellen und die dazu benötigten Apparate zu liefern. Ich hatte die Ehre, während einer Reihe von Jahren die Experimente mit Sr. Exzellenz persönlich in Wiesbaden einzustudieren. Einmal durfte ich während der Anwesenheit Sr. Majestät in Liebenberg die Vorführungen Sr. Exzellenz als Assistent leiten. «

Der Hauptmann hatte gestutzt und zweifelnd gefragt »als Assistent leiten? - Unmöglich!«  Obwohl Conradi sehr energisch auf dieser Darstellung  beharrt hatte, wollte der Beamte die ihm paradox erscheinende Formulierung erst nicht übernehmen. Der Vernehmende verlangte Einzelheiten und Conrad erläuterte: Der nunmehrige Generalintendant und kaiserliche Kammerherr  Graf von Hülsen sollte vor dem Kaiser auf dem Schloss Liebenberg, dem Sitz des Fürsten Philipp zu Eulenburg und Hertefeld, zaubern. Der Graf hatte nur sein altes Repertoire und stand auch am Ende seiner Möglichkeiten. Hilfesuchend wandte er sich an Conrad Horster, der nun einen Sketch vorschlug, in dem der Graf die Rolle eines überforderten alten Zaubermeister spielen sollte, während der Gehilfe mit neuen und schwierigen Kunststücken nicht nur die Zuschauenden, sondern auch seinen Meister verblüffte. Diesen Part wollte Horster übernehmen. Drehbuch und Regie waren Horsters Aufgabe und auch die Hauptrolle  fiel ihm zu. Die Vorführung fand statt und der staunende Monarch wollte nun von Horster Auskünfte über die Tricks haben. Der Gefragte fasste sich schnell und spielte den Ahnungslosen, der selbst nicht wusste, wie sein Meister ihn zu den Zauberkunststücken befähigt habe.

Durch das Erzählen dieses Ereignisses war wohl zu viel Zeit verstrichen und  Hauptmann Ebel, etwas nervös geworden, war nun gewillt, zum Schluss zu kommen. Er las schnell und ohne Rücksicht auf den zuhörenden Horster leierte er herunter:

»Was ich an schriftlichen Unterlagen besitze, werde ich umgehend einreichen. Nach diesen Darlegungen bitte ich das Polizei-Präsidium auch seinerseits meine Vorführungen als ein höheres Kunstinteresse darstellend anzuerkennen und mir meinen Kunstschein in Kraft belassen zu wollen. Erforderlichenfalls bin ich bereit, vor einer Sachverständigen-Kommission mich einer Prüfung zu unterziehen, bzw. mir einen anderen, vom Polizeipräsidium anerkannten Kunstschein zu beschaffen, zu welchem Zwecke ich um Angabe einer entsprechenden Adresse bitte.«

Diverse Bücher,             v. g. u.
Druckschriften, Schreiben            F. W. Conrad Horster (Unterschrift)
Telegramme, u.s.w.                      genannt als Künstler F. W. Conradi
beigefügt          geschlossen Ebel, Pol.-Hauptmann /Unterschrift


Unter die Buchstaben v. g. u. - vorgelesen  genehmigt  unterschrieben - hatte Großvater in stummen Protest, dass der Hauptmann die von dem Vernommenen beteuerte Loyalität zu Kaiser und König unerwähnt gelassen hat, seine Unterschrift gesetzt und an der gewohnten Schreibweise seines Vornamens festgehalten, wohl wissend, dass Konrad mit ›K‹ urkundlich richtig war.

Während der Vernehmung war ihm bereits bewusst geworden, dass er nicht die Zielscheibe einer Hinterhältigkeit initiiert von Neidern oder privaten Personen mit Rachegelüsten war. Sicher gab es auch keinen Zusammenhang mit einem von ihm abgesagten Auftritt bei dem Potsdamer Hofmarschall von Bachmayr, wie er anfänglich vermutet hatte. Blitzschnell hatte Conrad Horster diesen Vorfall im Gedächtnis rekapituliert. Da war die Einladung zu einer Privatsoiree. In einer Vorbesprechung hatte  Horster das Programm dargelegt. Es sollte dasselbe sein, das bereits der Graf von Hülsen gezeigt hatte. Als Horster dann gesprächsweise erfuhr, dass auch der Kaiser zu der Zaubervorführung käme, fürchtete er  eine Intrige, um den Grafen von Hülsen bloßzustellen. Ziemlich unwirsch hatte Conrad abgesagt. Einen Zusammenhang mit seiner polizeilichen Einbestellung konnte er nicht sehen. Man musste aber mit allem rechnen.

Tatsächlich war der Initiator der polizeilichen Tätigkeit  ein örtlicher Amtsvorsteher. Der Bürgermeister von Haan, einer Stadt in Nordrhein-Westfalen, war anscheinend wie die Mehrzahl der preußischen Beamten der Sozialdemokratie nicht gewogen und hatte sich mit einem Schreiben vom 18. April 1912 an die Berliner Polizei gewandt unter dem Vorwand einer Frage, ob eine Veranstaltung des Bildungsausschusses des örtlichen sozialdemokratischen Volksvereins mit einem Auftritt des Herrn Conradi der ›Lustbarkeitssteuer‹ unterläge. Er vergaß nicht, in seinem Schreiben zu erwähnen, dass dieser Conradi sich in seinem Programm rühmt, Se. Majestät bezaubert zu haben. Vermutlich stand der genannte Bildungsausschuss unter polizeilicher Überwachung. Ein möglicherweise eingeschleuster Polizeispitzel oder Zuträger wird Conradis beabsichtigten Auftritt unter dem wirklich sehr verdächtigen und staatsverleumderisch klingenden Titel ›Im Reiche der Wunder‹ gemeldet haben. Geflissentlich hatte Conradi während der polizeilichen Vernehmung ein zu direktes Eingehen auf die Art seiner Darbietung ›Im Reich der Wunder‹ vermieden und so den Eindruck erweckt, dass es sich weniger um eine unterhaltende Zauberschau, sondern vielmehr um eine belehrende populärwissenschaftliche Veranstaltung gehandelt hatte. Conradis Hinweise auf die Anerkennung seines Kunstscheines in Charlottenburg wie auch auf seinen Auftritt in Schloss Liebenberg waren wohl wenig hilfreich. Das westlich von Berlin hinter dem Tiergarten liegende Charlottenburg hatte sich zwar vom Dorf zur Großstadt gemausert, hatte um die Jahrhundertwende bereits 180 000 Einwohner, machte Berlin auf vielen Gebieten Konkurrenz und hatte sogar einen eigenen Polizeipräsidenten. Vergleiche mit Charlottenburg dürften in Berlin auf wenig Gegenliebe gestoßen sein. Liebenberg und sein Schlossherr, Philipp Fürst zu Eulenburg und Hertefeld, preußischer Gesandter in Bayern, beteiligt am Sturz von Bismarck,  und ehemals engster Freund des Kaisers,  hätten nach der von Maximilian Harden 1906 durch Veröffentlichungen über die Günstlingswirtschaft um den Kaiser heraufbeschworene ›Affäre Eulenburg‹, besser nicht erwähnt werden sollen. In diese anrüchige Begebenheit soll auch der Graf von Hülsen verwickelt gewesen sein. 1907 war auch das Ende der Zauberprogramme vor Seiner Majestät.  Zufall? Andere Gründe? Oder gab es ein Zusammenhang mit dem Skandal?

Aber auch der Polizeihauptmann schien bei der Vernehmung überfordert. Er  behauptete zwar, dass der Kunstschein des anerkannten und vereidigten Herrn Alex Hoenig - vermutlich von der damals renommierten und durch Plakatwerbung für den ›Wintergarten‹ bekannten Star Printing Office - in Berlin keine Gültigkeit habe, aber wer berechtigt sei, die Zauberkunst zu beurteilen, wusste er auch nicht. Unvergessen bleibt  die Antwort auf meine Frage nach der Bedeutung eines Kunstscheines. Mein in Polizeivorschriften bewanderter Großvater mütterlicherseits versicherte »Wenn auf unserm Hof der Leierkastenmann mit polizeilicher Erlaubnis spielt, dann ist dies Kunst. Hat er diese Erlaubnis nicht oder seinen Schein nicht bei sich, dann ist das Bettelei. « Er hatte das zwar mit einem Schmunzeln gesagt, aber die Ernsthaftigkeit dieser Auskunft beteuert.

Nach Hause von seiner Vernehmung zurückgekehrt, diktierte Großvater voller Erregung Gertrud Horster eilig einen Brief ›in die Maschine‹, indem er »mit Stolz versicherte, dass er königstreu in jeder Beziehung sei« und  sein Bedauern über diesen Eklat, ein Auftritt vor >Sozis<, aussprach. Auch vergaß er nicht, seine ›dementsprechende Erziehung‹ durch seinen Vater, einem königlich-preußischen Beamten zu erwähnen. Per Eilboten ließ er das Schreiben an das Polizeipräsidium expedieren. Dieser Brief mit einigen Tippfehlern ist ein beredtes Zeugnis über die Verfassung, in der sich mein Großvater befand.

Vielleicht hatte er gehofft, damit  habe es jetzt sein Bewenden. Doch dies war ein Irrtum. Seine nächste Vorstellung in Berlin wurde polizeilich überwacht und zwar ganz offiziell. Die beiden Beamten waren in Uniform erschienen und trugen ihre Polizeihelme unter den Arm geklemmt, um ihr martialisches Aussehen ein wenig zu kaschieren. Etwas war damit angezeigt: Sollten die beiden ihre ›Pickelhauben‹ aufsetzen, drohten Auflösung der Versammlung, Feststellung der Personalien aller Anwesenden und einiges mehr.

Großvater war somit gewarnt und stellte seine Königstreue im Superlativ unter Beweis. Der Bericht der Beamten darüber war dementsprechend günstig. Trotzdem stellte der Polizeipräsident von Jagow eine Anfrage an das  Ober-Hofmarschallamt Seiner Majestät des Kaisers und Königs im königlichen Schloss, die wahrscheinlich nicht beantwortet wurde, denn die archivierte Akte schloss mit diesem Auskunftsersuchen.